Montag, 30. Januar 2012

Kulturhauptstadt 2012 - Maribor

Ich weiß nicht, wieso ich immer wieder vergesse, dass ich von Wien aus in 1-2 Stunden in Graz bin und daher eine halbe Stunde später in Maribor
Marburg, die Stadt, die immer auf meinem Weg nach Kroatien oder Ljubljana liegt. Durch die eine „Stadtautobahn“ führt, sie Stadt, durch die man sich durchschlängelt, um möglichst schnell im Süden zu sein. Die dem Reisenden auf diesem Weg nichts Attraktives zeigt oder in den Weg stellt, um ihn vielleicht zu einem Zwischenstopp aufzuhalten – diese Stadt ist nun Kulturhauptstadt 2012.
Ich bin überrascht. Das erste Mal als ich von der Entscheidung lese. Das zweite Mal als ich die Adresse meines Hotels (City Hotel Maribor – nur wenige Schritte von der Altstadt entfernt) in mein Navi eingebe: obwohl es die Hausnummer angeblich nicht finden kann (was aber am Alterszustand meines Navis liegt, das auch nie ein Update seiner Firmware erhalten hat…), zeigt es auch nach mehreren Versuchen konstant eine Fahrzeit von 2 Stunden und 28 Minuten. Da ich das nicht glauben kann versuche ich es bei Google, da Ergebnis unterscheidet sich bloß durch Minuten.
So nah ist also die Kulturhauptstadt?? Na dann nix wie hin…

Die Fahrzeit stimmt. So man nicht mit außergewöhnlichen Verkehrsaufkommen zu kämpfen hat, ist man in der angegebenen Zeit in der Stadt, die einem – aus Österreich kommend – nach wie vor mit ihrer ziemlich hässlichen Einfahrt begrüßt. Viel hat sich hier nicht geändert – einzig und allein die Autobahn nach Kroatien scheint fertig gestellt zu sein und bietet nun eine Abzweigungsmöglichkeit. Damit man ja nicht in der Nähe der Altstadt kommt. Vor dem altbekannten Tunnel biege ich auf Anweisung des Navis rechts ab und in null komma nix sehe ich mein Hotel auf der linken Seite. Hier wird mir zwar die Einfahrt in die Garage verwehrt, aber der Kreisverkehr ein paar Meter weiter bietet sich hervorragend an, um umzukehren.

Das Hotel ist von außen schöner als erwartet. Nach den Fotos im Internet hätte ich einen alleinstehenden Betonbunker erwartet – in Wirklichkeit wirkt es viel graziler, auch wenn es ein moderner Bau ist und passt sich seiner Umgebung an.  Und die Aussicht von der Terrasse im 5. Stock auf die Drau und das Pohorje Gebirge ist schon beeindruckend. Leider ist es hier im Moment arschkalt (naja es ist ja auch Winter) und daher ist der Aufenthalt  auf der Terrasse nicht für längere Zeit möglich. Es sind zwar diese wunderbaren Heizstrahler vorhanden, aber anscheinend sind sie aus Einsparungsgründen nicht eingeschaltet oder alle anderen Gäste haben hier ein anderes Wärmeempfinden, kommt ja in meiner Privatsphäre auch immer wieder vor…

Und hier sind wir gleich bei einem wichtigen Thema: Die Kulturhauptstadt muss sparen. Durch die Schuldenkrise. Oder sollen wir besser sagen „angespannte europäische Wirtschaftslage“ – egal wie auch immer – die Krise hat auch hier zugeschlagen. So mussten etliche Projekte abgesagt werden. Die Hoffnung der Mariborer auf neue Kulturstätten oder einen Ausbau der Infrastruktur erfüllte sich zum Großteil nicht.
Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist und wird es ein einzigartiges Jahr für die Stadt werden. Eine Stadt, die noch immer verschlafen wirkt. Auch Samstagnachmittag kaum Menschen in der Innenstadt. Maribor ist lethargisch geworden heißt es. Maribor sucht eine neue Identität. Daher auch der Slogan der Kulturhauptstadt:  „It is our turning point“ – es ist unser Wendepunkt. Neue Hoffnung soll entstehen und mit diesem Event angestoßen werden.

Durch die Geldknappheit sind wie schon gesagt einige Projekte gescheitert – die Motivation (zumindest der Veranstalter) ist aber geblieben. Sie haben aus der Not eine Tugend gemacht und über 1000 Projekte auf den Weg gebracht: größtenteils mit uns unbekannten Künstlern, aber auch Weltstars, wie Igo Pogorelić werden hier im Rahmen des Programms auftreten. Die ganze Stadt ist Bühne lautet das Programm.
Samstagnachmittag am Stadtrundgang in der Innenstadt treffen wir noch kaum auf Menschen. Aber ich bin wieder eine Erfahrung reicher. Es lohnt Maribor zu besuchen: eine wunderschöne kleine Altstadt (mehr darüber in Bälde auf www.ask-enrico.com), und bei schönen (wärmeren) Wetter muss es wunderbar sein entlang der Drau zu spazieren.

 Erst am Abend bei der Eröffnungsfeier füllt sich der Platz um die Bühne und vor dem Schloss. Allerdings: auch für eine Stadt mit nur rund 120.000 Einwohner scheint die Teilnehmerzahl gering,  - was ich allerdings verstehen kann: die Kälte hat zum Nachmittag noch einige Grad Minus draufgelegt. Ich stehe inmitten der Leute am Platz bei der Franziskanerkirche vor der Videowall (das Gedränge bei der Bühne war mir doch ein wenig zu viel und hier hoffe ich genug zu sehen, was sich auch bestätigt.) Mein Eindruck der Eröffnungsfeier ist zwiespältig: es wurden viele und lange Reden geschwungen – diese, so interessant sie vielleicht auch gewesen sein mögen – ohne Übersetzung - schwierig…

Und natürlich mussten alle Repräsentanten zu Wort kommen, egal ob Regionalpolitiker oder zuständige EU-Vertretung. Das Live-Programm inklusive Lichtshow war toll und eines Eröffnungsevents würdig, die Vorstellung der verschiedenen Orte, die mit Maribor die Kulturhauptstadt feiern recht interessant, wenn auch ein wenig zu lange und leider auch „unübersetzt“. So war das Fest eher für die lokale Bevölkerung gedacht, als für internationale Besucher – aber so sollte es wahrscheinlich auch sein …

War es am Samstag für einen Spaziergang an der Drau fast zu kalt (ich habe es aber trotzdem genossen bei Sonnenschein entlang zu wandern), war die Überraschung am nächsten Tag groß: Am Rande der Stadt – kein 30 Minuten Fahrt vom Stadtzentrum entfernt – im Pohorje befindet sich ein Skigebiet, das – wenn auch heuer so wie viele andere an Schneemangel leidet – auch einen Besuch in Maribor rechtfertig. Schöne Pisten, eine gute Ausstattung an Liften und sogar eine Hotelsiedlung oben am Gipfel, im Wald versteckt garantieren einen wunderschönen Skiurlaub und von oben auch eine schönen Blick ins Tal und auf die Stadt. 40km lang sind die Pisten, wenn genügend Schnee liegt. Das Skigebiet ist auch mit Schneekanonen ausgestattet, die den natürlichen Gegebenheiten nachhelfen. Und sollte das alles nichts nützen, gibt es im Hoteldorf auch ein Hallenbad mit Wellness-Einrichtungen, Fußballfelder und vieles mehr…

Das Indianerdorf, jetzt im Winter zwar verlassen, ist im Sommer jedoch ein echtes Highlight. Hier werden nicht nur Geschicklichkeitsspiele durchgeführt, sondern es wird auch gekocht und am Lagerfeuer gesessen und vieles mehr… Mehrsprachigkeit ist angesagt: Englisch, Deutsch und natürlich Slowenisch ist hier kein Problem.


Mountainbiker werden im Sommer von den Abfahrten begeistert sein und Wanderer sollten sich von diesen Pisten fernhalten: hier trainieren Spitzensportler und Nationalteams aus der ganzen Welt. Für alle anderen ist es allerdings besser von den tollkühnen Männern auf ihren Bikes einen Sicherheitsabstand zu halten, zu schnell der Speed, zu waghalsig die Sprünge die ihnen abverlangt werden um ihnen unvorhergesehen einfach in die Quere kommen zu können. Für mich unglaublich, dass jemand diese Strecken fahren kann, ohne sich krankenhausreif zu verletzten.

Kurz zusammengefasst: Maribor muss man einfach besuchen – egal ob im Winter oder im Sommer, die Stadt bietet einige Überraschungen, die man nicht versäumen sollte – auch nach dem Kulturhauptstadtjahr – und trotzdem jetzt lohnt sich der Besuch ganz besonders! Am besten man wartet noch ein wenig auf wärmere Tage und dann ab nach Maribor – schließlich wird dann die ganze Stadt zur Bühne…
Das aktuelle Programm der Kulturhauptstadt finden Sie hier: http://www.maribor2012.eu/en/ (Englisch, Slowenisch)
Mehr über die Kulturhauptstadt und ihre Sehenswürdigkeiten auf askEnrico gibt’s hier.