Samstag, 29. September 2012

Ein Fest für alle Liebhaber der Barockmusik:

Das Barockfestival von Český Krumlov

Ich gebe es ja gerne zu: Barockmusik sagte mir bis dato nicht all zu viel. Als ich aber bei einem Besuch von Český Krumlov das wunderschöne Schlosstheater besichtigen durfte, wusste ich – hier will ich einmal eine Aufführung sehen. Und heuer war es soweit…

Im Barocktheater von Krumau - Aeneas in Chaonien





Český Krumlov ist für mich eine Märchenstadt. Allein der Schlossturm, den man bereits von weitem erkennen kann, ist immer wieder sehenswert. Durch die engen, schmalen Gassen zu schlendern, die wunderschönen Häuserfronten bewundern – immer wieder sieht man neue Details, die man beim letzten Besuch oder beim letzten Spaziergang nicht gesehen hat. Es gibt also viele Gründe ins Krümle immer wieder zurück zu kehren. Schiele Liebhaber können zum Beispiel einen Abstecher ins Schiele Art Center machen, das großartig gegenüber meinen letzten Besuch ausgebaut wurde und dort nicht nur eine sehr interessante Ausstellung über Schiele besichtigen (seine Mutter stammte ja aus Krumau und auch er verbrachte einige Zeit in der Stadt), sondern auch immer wieder aktuelle Expositionen berühmter internationaler und tschechischer Künstler sehen. Bis 28. Oktober gibt es z.B. noch eine ganz tolle Ausstellung über Gerald Scarfe. Aber auch Museen, das Märchenhaus oder das Marionettenmuseum werden Sie begeistern (weitere Tipps finden Sie hier auf www.ask-enrico.com). Aber nun zurück zum Barockfestival.
Ein Ausschnitt des wunderschönen Theatervorhanges
Dieses fand heuer bereits zum 5. Mal statt. Eigentlich dauern die „Barocktage“ ja eine ganze Woche, aber ich war froh wenigstens das Wochenende zu schaffen. Freitag angekommen und im Hotel eingecheckt, Samstag das Schloss und die Ausstellungen im Schiele Art Centrum besucht und in der Stadt herum flaniert – in freudiger Erwartung auf den Abend.
Rechtzeitig machten wir uns auf den Weg zum Schloss. Das Krumlauer Schlosstheater ist eines der ältesten und am besten erhaltensten Theater seiner Zeit europaweit. Fast alle Elemente sind noch komplett erhalten und funktionieren heute noch: sei es die Windmaschinen, Technik, der Fundus – vom Zuschauerraum und dem Orchestergraben gar nicht zu reden. (Mehr über die Geschichte des Schlosses und des Theaters finden Sie ebenfalls hier auf ask-enrico.com)

Kerzen geben dem Theatersaal eine ganz eigene Atmosphäre
Mit dem Öffnen der Türen kommt der Besucher in eine andere Welt. Der Theaterraum ist nur mit Kerzen (einige davon werden schon elektrisch betrieben, aber auch die flackern im Wind) beleuchtet. Es gibt keine Sitze im herkömmlichen Sinn, im Zuschauerraum stehen „erhöhte“ Bänke – es herrscht freie Sitzwahl. Im „Orchestergraben“ sitzen die Musiker beidseitig an einem langen Notenpult und stimmen ihre Instrumente. Instrumente, die ich zum Teil noch nie gesehen, geschweige gehört habe. Die Partituren werden von echten Kerzen beleuchtet, das Orchester ist mit Kostümen aus der damaligen Zeit bekleidet, alle tragen weiße Perücken.
Einfach kann es nicht sein, bei Kerzenbeleuchtung zu spielen ...
Wir hören Enea in Caonia (Aeneas in Chaonien) von Johann Adolf Hasse. Hasse war einer der bedeutendsten Opernkomponisten des 18. Jahrhunderts, verheiratet mit der Primadonna absoluta, Faustina Bordoni, seiner Zeit. Die Oper oder Serenata wurde im Auftrag des österreichischen Vizekönigs Michael Friedrich von Athann in Neapel 1727 uraufgeführt. Das Libretto beruht auf einer Episode aus Virgils Aeneis.

Die Musiker beginnen zu spielen und eine weitere Zauberwelt tut sich auf. Der Vorhang hebt sich, man sieht ein Schiff im schaukelnden Meer. Eigentlich ist das alles kaum zu beschreiben und nicht vorstellbar. Man muss es einfach gesehen haben.
Wie bei Barockopern üblich – so hat man mir als Neuling versichert – bewegen sich immer nur die aktiven Sänger. Alle anderen verharren in einer puppenhaften Stellung. Allein um die Bewegungen zu sehen, die Kostüme und das Bühnenbild bewundern zu können, muss man zumindest einmal in so eine Vorstellung gehen. Es ist wahrhaftig „Märchenbühne“ angesagt und man findet sich um Jahrhunderte zurück versetzt. Irgendwie erwarte ich ständig, dass der Fürst in seiner Loge aufsteht und höchst persönlich „Bravo“ ruft.

Während der Pause wandert das Publikum auf den erleuchteten Schlosswegen und plaudert mit den Musikern, die sich auch ein paar Minuten im kühlen Freien gönnen. Der Schlossturm ist wunderschön erleuchtet und thront über die Stadt und das Schloss. Um es noch einmal zu sagen: „Einfach märchenhaft“. Dann geht es weiter. Die Musiker haben wieder neue Kerzen bekommen, dennoch scheint es mir schwierig die Partitur bei diesen Lichtverhältnissen entziffern zu können. Das Barockorchester Hof-Musici ist derlei allerdings gewohnt. Es besteht aus jungen Musikern, die sich auf historische Aufführungen barocker Musik unter Verwendung von Originalinstrumenten oder deren stilgetreuen Nachbauten spezialisiert haben. Sie widmen sich vor allem der Aufführung bisher unbekannter Werke aus böhmischen und ausländischen Musikarchiven. Wenn Sie die Möglichkeit haben, dass Ensemble zu sehen und zu hören, lassen Sie sich diese Möglichkeit nicht entgehen.
In der Pause hat man Gelegenheit mit den Musikern zu plaudern ..
Im zweiten Teil des Stückes zeigt die Technik des Barocktheaters ihre ganze Pracht. Kulissen werden getauscht und verwandeln das Bühnenbild von einem Wald in einem Raum im Schloss oder in einen Innenraum eines Tempels. Fast bereue ich, dass in diesem Stück weder ein Unwetter noch Sturm oder Regen vorkommt, ich hätte so gerne auch noch die Wind- und Donnermaschine live erlebt.
Das Publikum und auch wir sind restlos begeistert. Als Zugabe wird die Schlussarie wiederholt. Dann wandern alle gemütlich zu einem weiteren Höhepunkt des Abends.
Der festlich illuminierte Schlossgarten
Im festlich illuminierten Schlossgarten findet bei Musikklängen ein barockes Feuerwerk statt. Das Theatrum Pyrotechnikum unter der Leitung von  Jiří Honc und Zdeněk Štěpánek bieten ein weiteres Schauspiel aus vergangenen Tagen dem begeisterten Publikum.
Das Feuerwerk - ein weiteres Highlight des Abends
Damit neigt sich ein wirklich märchenhafter Tag dem Ende zu und wir wandern durch das schon ein bisschen verschlafene Český Krumlov zurück zu unserem Hotel, um noch kurz davor einen Stop einzulegen und mit tschechischen Bierspezialitäten den Abend ausklingen zu lassen.


Johann Adolf Hasse: Enea in Caonia beim Barockfestival in Český Krumlov

Gegenwärtige Weltpremiere der Barockserenate an das Thema von Vergilius Aeneis. Erste Aufführung in Neapel, 1727.
Mitwirkende: Veronika Mráčková Fučíková (Enea), Pavla Štěpničková (Andromaca), Jana Dvořáková (Eleno), Jana Bínová Koucká (Ilia), Pavel Valenta (Niso);
Barockorchester Hof-Musici; Cembalo und Leitung Ondřej Macek.
Regie und Barockgestik Zuzana Vrbová

Weitere Informationen über Český Krumlov auf www.ask-enrico.com (Deutsch), hier gibt es Hoteltipps und auf der offiziellen Website der Stadt www.ckrumlov.info (CZ, D, E, ES, F, HU, IT, RU)